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Archiv des Rathauses

„Identität schützen – Menschenrechte achten“

„Tag der Heimat“

des Bundes der Vertriebenen Kreisverband Limburg-Weilburg 2016

 

Festansprache

Sonntag, 25. September 2016, 14.30 Uhr, Bürgerhaus Weilmünster

 

Jeder Mensch hat das Recht auf ein Zuhause,

auf eine Heimat in Frieden und Freiheit!

Sehr geehrter Herr BdV-Kreisvorsitzender

Josef Plahl,

sehr geehrter Herr Kreisobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft

Otto Riedl,

sehr geehrter Herr Vorsteher der Egerländer Gmoi z‘ Limburg

Albrecht Kauschat,

sehr geehrter Herr Bundestagsabgeordneter Markus Koop,

sehr geehrter Herr Landtagsabgeordneter Tobias Eckert,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

65 Millionen Menschen (= 382 x Einwohner Landkreis Limburg-Weilburg, = 4.815 x Einwohner der Stadt Weilburg) sind weltweit aktuell auf der Flucht, 1944/45 bis 1950 litten 12 bis 14 Millionen Deutsche unter Flucht und Vertreibung. Am 4. Februar 1946 kam der erste Zug mit 1.204 Menschen aus dem Sudetenland auf dem Weilburger Bahnhof an, am 11. September 2015 kam der erste Transport von Menschen auf der Flucht aus Syrien, Irak und Afghanistan in der Erstaufnahme Weilburg-Waldhausen an.

Flucht und Vertreibung, Krieg, Terror und Gewalt sind Verbrechen an den Menschen. Menschenwürde, Menschenrechte werden mit Füßen getreten, damals wie heute. Flucht und Vertreibung sind schrecklich, ob aus Kuttenplan oder aus Aleppo!

Übrigens, neben den Mitarbeitern des Rathauses kümmerten sich über 200 ehrenamtlich tätige Bürgerinnen und Bürger um die Menschen auf der Flucht, die 2015 in die Erstaufnahme in Weilburg-Waldhausen gekommen waren. Auch unsere Türkisch-Islamische Gemeinde wirkte ebenso vorbildlich mit wie die christlichen Kirchengemeinden, Deutsches Rotes Kreuz, Technisches Hilfswerk und Freiwillige Feuerwehren.

Heimat: Wenn ich zum Kirchturm komme, dann bin ich zu Hause, dann bin ich daheim, dann bin ich mitten in der Stadt, mitten im Dorf. Der Turm der romanischen Pfeilerbasilika in Lahr/Westerwald und der Turm der Weilburger Schloss- und Stadtkirche verkörpern für mich meine Heimaten. Menschen Heimat zu stiften, ist eine der wichtigsten Aufgaben einer Gemeinde, einer Stadt. Heimat ist an- und aufgenommen sein, Heimat ist im Miteinander, ja auch im Füreinander zu leben. Heimat ist mehr als ein Ort, Heimat ist „Ich“ und „Wir“! Wir leben heute in einem europäischen Haus, das in einem globalen Weltdorf steht, da ist es wichtig zu wissen, wer man ist und wo man Zuhause ist. Ich bin zuerst ein Weilburger und ein Westerwälder, dann ein Deutscher und ein Europäer. Heimat muss man wollen, Heimat ist Sein!

Seit Menschen auf diesem Globus leben, sind sie unterwegs, unterwegs durch ihr Leben, unterwegs in dieser Welt. Völkerwanderungen, Umsiedlungen, Flucht und Vertreibung, Umzug wegen Arbeitsplatz oder aus Liebe, das Unterwegssein gehört zum Menschsein. Oder wenn ich unsere Stadt Weilburg in den letzten sieben Jahrzehnten sehe: Es kamen Flüchtlinge und Heimatvertriebene, es kamen Gastarbeiter und deren Familien, es kam das Boat-People aus Vietnam, es kamen Spätaussiedler, es kamen Menschen aus Syrien, Irak und Afghanistan, es kamen Menschen aus beruflichen und aus persönlichen Gründen. Jährlich ziehen rund 1.000 Menschen aus Weilburg weg und gleichzeitig ziehen rund 1.000 Menschen neu zu. 75 % der Bevölkerung hat in Weilburg ihren Stammsitz, ihren Lebensmittelpunkt.

Übrigens, in der NS-Zeit flüchteten Weilburger Bürger aus Weilburg, wurden ihrer Heimat und vielfach auch ihres Lebens beraubt, die jüdischen Weilburger des 20. Jahrhunderts, auch das wollen wir nicht vergessen, sondern immer wieder erinnern. Frieden und Freiheit, Heimat fangen bei uns an, an unserer Haustür. Die Stadt Weilburg zählt heute 13.500 Einwohner mit 83 Nationalitäten, unsere Stadt ist ein Ort der Welt, ist ein staatlich anerkannter Ort der Vielfalt. Ich danke allen Menschen, die zu uns gekommen sind und kommen, denn sie bereichern unser Leben.

Die Stadt Weilburg an der Lahn lebt das gemeinsame europäische Haus mit sechs Städtepartnerschaften höchst aktiv: Privas/Frankreich (1958), Zevenaar/ Niederlande (1966), Kezmarok/Slowakei (1998), Colmar-Berg/Luxemburg (2004), Kizilcahamam/Türkei (2006) und Quattro Castella/Italien (2010). Insgesamt bestehen in Europa rund 40.000 Städtepartnerschaften, ein glänzendes und stabiles Netzwerk für Frieden und Miteinander.

Mein großer Dank gilt den heimatvertriebenene Menschen, die nach dem II. Weltkrieg zu uns gekommen sind, sie leisten seit nunmehr 70 Jahren einen wesentlichen Beitrag zum Leben in unserer Heimat.

Heimat ist uns wichtig, nicht nur für unsere Ureinwohner, sondern auch für alle Menschen, die zu uns kommen, seien sie auf der Flucht, seien sie aus ihrer ursprünglichen Heimat vertrieben, seien sie Neuzugezogene. Heimat haben ist für den Menschen ein Wert, ist wertvoll für ein lebenswertes Leben, schenkt Orientierung im Leben. Übrigens, mir fällt immer wieder auf, dass Zugezogene sich mehr für eine Stadt oder ein Dorf einsetzen als die Ureinwohner, für die fast alles selbstverständlich ist.

Erinnern ist wichtig, gehört zum Menschsein. Jeder Mensch hat seinen Lebensweg. Erinnern ist aber auch wichtig, um Fehler zu vermeiden. Nach 71 Jahren in Frieden und Freiheit wissen viele Menschen bei uns nicht mehr um die Schrecken von Krieg, Terror und Gewalt. Frieden und Freiheit sind nicht selbstverständlich, jeden Tag müssen wir dafür eintreten, dass der Schutz der Menschenwürde zu verteidigen, ja zu schützen ist. Wir leben nicht in einer gewaltfreien Welt, auch nicht hier bei uns im Lahntal und im Weiltal. Erinnern ist auch Vorsorge!

Heimat ist spannend: Dieser Tage schrieb ein Weilburger im Weilburger Tageblatt: Der Bürgermeister ist kein Weilburger. Seit 1960 gehe ich in Weilburg ein und aus, 1972/73 hat meine Familie in Weilburg ein Haus gebaut, seit 1983 wohne ich mit meiner Familie in Weilburg, seit 1993 bin ich Bürgermeister, seit 1995 bin ich sogar aktives Mitglied der Bürgergarde. Und trotzdem, angeblich bin ich kein Weilburger, denn ich sei ja nicht in Weilburg geboren. Gott, sei Dank, denn dann bin ich auch kein Spießbürger, sondern nur ein Mensch, für den Weilburg seine Heimat ist.

Stellvertretend für viele Orte in unserem Landkreis Limburg-Weilburg will ich einmal das Wirken der Stadt Weilburg an der Lahn für und mit Menschen auf Flucht und Vertreibung aus den Jahren 1944/45 bis 1950 aufzeigen:

Benennung von Straßen: Sudetenstraße, Sudetenring, Pommernstraße, Westpreußenstraße, Ostpreußenstraße, Danziger Straße, Stettiner Straße, Schlesierstraße, Königsberger Straße, Freystädter Straße

Patenschaft Kreis Freystadt/Niederschlesien (1963), Oberlahnkreis – Landkreis Limburg-Weilburg – Stadt Weilburg an der Lahn

Heimatstube Kreis Freystadt im Berbau- und Stadtmuseum der Stadt Weilburg (1966)

Gedenkstätte Kreis Freystadt in der Freystädter Straße

Heimatstube der Sudetendeutschen im Komödienbau

Gedenkkreuz der Heimatvertriebenen auf dem Friedhof Weilburg

Erinnerungstafel an die Ankunft des ersten Transportes heimatvertriebener Menschen am 4. Februar 1946 auf dem Weilburger Bahnhof, angebracht 2006, als die Stadt Weilburg Eigentümer des Bahnhofs war

Siedlergemeinschaft Friedrich-Ebert-Straße, Gedenkstein in der Nassaustraße „Landwirtschaftliche Nebenerwerbssiedlung 1953 – 1957, 42 Siedlerstellen und 9 Einzelstellen für heimatvertriebene Familien, 43 Sudetenland, 3 Schlesien, 2 Ostpreußen, 1 Westpreußen, 1 Slowakei, 1 Wartheland

Freundschaft mit dem Karpatendeutschen Verein

Städtepartnerschaft mit Käsmark/Slowakei (Kezmarok, 1998)

Büro des Kreisverbandes Limburg-Weilburg des Bundes der Vertriebenen

im Landratsamt Limburger Straße, Weilburg, Eigentümer zur Zeit Stadt Weilburg an der Lahn

Die heimatvertriebenen Menschen, Bürgerinnen und Bürger, gestalten seit nunmehr 70 Jahren das Leben in der Stadt Weilburg an der Lahn und in der Oberlahn-Region wesentlich mit, bereichern das Leben in Gesellschaft, Kirche und Kommunalpolitik. Ohne unsere heimatvertriebenen Mitbürgerinnen und Mitbürger wären wir deutlich ärmer dran.

Wenn ich mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehe, dann kann ich meine Hände zum Himmel empor strecken. Mein Fundament sind die Heilige Schrift und das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Unser europäisches Haus steht auf drei Hügeln: Areopag in Athen (Demokratie, demos = das Volk, kratein = herrschen), Capitol in Rom (res publica = die Sache des Staates, die staatliche Ordnung) und Golgotha in Jerusalem (Menschenwürde und Menschenfreundlichkeit).

Immer wieder blenden derzeit Menschen bei ihrem Denken und Handeln diese Fundamente unseres Lebens in unserer Heimat aus. In Artikel 3, Absatz 3 unseres Grundgesetzes heißt es: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“. Und in Artikel 4, Absatz 2 des Grundgesetzes heißt es: „Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.“ Wir sollten wieder mehr in das Grundgesetz und in die heilige Schrift schauen, übrigens auch in die Charta der Heimatvertriebenen, dann würden wir sehr schnell merken, welcher Unsinn derzeit in unserem Land zu oft geredet wird. Besonders beeindruckend in der Charta der deutschen Heimatvertriebenen ist für mich das klare Eintreten für ein freies und geeintes Europa. Und eines ist doch auch jedem klar, der Grundgesetz, Heilige Schrift und Charta der deutschen Heimatvertriebenen beachtet, nicht Mauern und Zäune sind Antworten auf die Nöte der Menschen in Flucht und Vertreibung, sondern Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe. Und nach dem Blick ins Grundgesetz sollten wir auch die Diskussion um Minarette und Moscheen ganz schnell beenden. Wir Christen sollten uns mehr um unsere Kirchtürme, um unsere Heimat kümmern, dann haben wir genug zu tun. Identität erwächst aus eigenem Wirken für das Leben in Familie, am Arbeitsplatz, im Verein, in der Kirche, in der Straße, im Ort.

„Tag der Heimat 2016“: Es ist uns gegeben, dass wir nur nach vorne schauen können, und das ist gut so, wir haben keinen Januskopf, der römische Gott, der gleichzeitig nach vorne und hinten schauen konnte, der vorne und hinten Augen hatte, nach dem der Monat Januar benannt ist. Gleichzeitig befindet sich in unserem Kopf aber auch das Gedächtnis und das Denken. Unsere Aufgabe ist es, das Leben zu bewahren und zu gestalten, und zwar verantwortungsbewusst. Geschichte ohne Gegenwart hat keine Zukunft. Leben wir unser heutiges Leben für Frieden, Freiheit, Wohlstand und Demokratie, dann haben unsere Kinder und Enkelkinder auch noch die Chance, morgen gut zu leben. Sorgen wir dafür, dass unsere Heimat auch morgen noch Heimat bleibt und ist! Das Leben geht immer nach vorne!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen und uns allen von Herzen alles Gute!

Weilburg an der Lahn, 25. September 2016

Hans-Peter Schick

Bürgermeister

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